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Krypto&Co: Das unterschätzte Währungsrisiko

 

Gastbeitrag für Die Presse, 29.03.2025

Krypto & Co. Währungshüter müssten angesichts der Krypto-Fantasien von Trump alarmiert sein. Der Spuk muss ein Ende haben.

Spätestens seit Präsident Trump die USA zur „Krypto-Supermacht des Planeten“ machen möchte und die amerikanische Notenbank dazu drängt, Bitcoin und andere Kryptowährungen als „Währungsreserven“ zu halten, müssten bei den Währungshütern dieser Welt die Alarmsirenen schrillen. Aber da ist wenig Widerstand zu vernehmen.

Auch dass sich der US-Präsident ebenso wie seine Frau Melania mit der Markteinführung eigener Krypto-Coins wenige Tage vor seiner Angelobung auf Kosten all jener bereichert hat, die damit nach kurzer Euphorie einen drastischen Wertverlust in Kauf genommen haben, scheint niemanden ernsthaft anzufechten – trotz eines von der „Financial Times“ auf US-Dollar 350 Mio geschätzten Gewinns für die Präsidentenfamilie.

Wäre das alles nur eine zwar ärgerliche, aber letztlich finanzökonomisch unbedeutsame Angelegenheit, könnte man sie abhaken und in den Schaukasten wöchentlich neu aufpoppender präsidialer Absonderlichkeiten stellen. Das hieße jedoch, die damit verbundenen Gefahren sträflich zu unterschätzen.

Auch wenn wir uns an die Existenz dieser spekulativen Geld-Suggestion gewöhnt haben: die Geschichte von Bitcoin ist wahrlich kryptisch. Da erfindet ein gewisser Satoshi Nakamoto, dessen Identität bis heute nicht geklärt ist, zu Zeiten der großen Finanzkrise 2008 das erste dezentrale Zahlungsmittel der Welt. Die in Aussicht gestellte Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten („Coins“) verspricht jenen, die Bitcoins lang genug halten, Wertsteigerungen – sofern nur die Nachfrage immer wieder angeheizt werden kann.

Das „Schürfen“ der „Währungs“-Einheiten – die begriffliche Nähe zum Schürfen von werthaltigem Gold ist durchaus beabsichtigt – geschieht anonym auf dezentralen Rechnern unter hohem Energieaufwand. Diese Anonymität wird von der Krypto-Community hoch gelobt und als Vorteil gegenüber einer zentralen Währungshoheit durch Notenbanken hervorgehoben. Nun ja.

Seit die amerikanische Finanzmarktaufsicht im Jänner 2024 die Einbeziehung von Kryptowährungen in Wertpapierfonds genehmigt hat, nahm das Interesse der sich davor lange in Zurückhaltung übenden Geldmanager dieses Globus zu. Ein reines Spekulationsmedium ohne jeden inneren Wert, das zudem keinerlei realwirtschaftlichen Bezug aufweist, wurde damit faktisch legitimiert. Die Zuerkennung des Status einer Art von „Reservewährung“ überschreitet nun allerdings die verträgliche Grenze eines immer bedenklicheren globalen Fakes.

Mit der Trump´schen Unterstützung bekommt das Thema für Spekulanten eine neue Dimension. Die Glaubensgemeinschaft der Krypto-Investoren wächst und trägt – trotz immer wieder auftretender Rückschläge – allein mit diesem Wachstum zu deutlichen Kurssteigerungen bei. Obwohl institutionelle Investoren zuletzt Gelder aus Krypto-Fonds abgezogen und damit für einen mehr als zwanzigprozentigen Kursrückgang gegenüber dem Höchststand von 110.000 Dollar gesorgt haben, fantasieren Spekulations-Profis von einem Bitcoin-Kurs  von bis zu 1,5 Millionen Dollar pro Einheit binnen fünf Jahren. Larry Fink, CEO der weltgrößten Investment-Gesellschaft Blackrock, liegt mit einem immer noch sehr stolzen Schätzwert von 750.000 in etwa bei der Hälfte.

Neben Bitcoin entstand in den letzten beiden Jahrzehnten eine längst unübersehbare Flut von bereits über zehntausend digitalen Kunst-Geldern. Darunter die so genannten „Stable-Coins“, die aus der festen Bindung an eine bestehende Währung Vorteile ziehen. Je stärker es gelingt, über Influencer und spekulative Glaubensgenossen an diesen und verwandten Spielgeldern pyramidenspielartige Kauflust auszulösen, desto eher gelingt die – meist nur vorübergehende – „Wert“steigerung.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob derartige Glücksspiele erlaubt sein sollen und wie sie zu besteuern wären. Aber auch hier gilt: solange es sich um Größenordnungen handelt, die selbst bei starken Wertschwankungen nicht zur Destabilisierung von etablierten Währungen führen können, ließe sich dieses Treiben als Modeerscheinung abhaken. Schließlich wissen die Käufer ja, dass sie sich auf unkalkulierbare Risiken einlassen, die sie letztlich selbst tragen.

Mit der Trump´schen Kryptowende jedoch ist eine Eskalationsstufe erreicht, die es dringend gebietet, dem Spuk ein Ende zu bereiten oder wenigstens schadensmindernd einzugreifen, bevor finanzwirtschaftliche Verwerfungen entstehen, die allen schaden. Zumal sich ganz unabhängig vom Krypto-Geschehen seit gut einem Jahrzehnt weitere spekulative Risiken aufbauen, die jederzeit zu systemischen Finanzkrisen führen können, die jener des Jahres 2008 an Schärfe nicht nachstehen. Die explodierende Zunahme spekulativer Finanztransaktionen, oft beeinflusst von gezielt über Social Media gestreuten, marktbeeinflussenden Informationen, erhöht jedenfalls die Gefahr von unvorhersehbaren, kollektiven Marktreaktionen, wie wir sie in der Finanzkrise 2008 erleben mussten, als der Geldverkehr zwischen den Banken dieser Welt kollabierte.

Gerade in einer Zeit, in der Europa darum ringt, die Stabilität seiner Gemeinschaftswährung trotz der nachrüstungs-bedingten Zusatzverschuldung abzusichern, wäre es besonders fatal, die Quellen möglicher systemischer Großrisiken zu übersehen.

Entscheidend wäre gerade jetzt, Geldveranlagungen in realwirtschaftlich sinnvolle Instrumente zu unterstützen. Risikokapital, das diesen Namen verdient, sollte in Innovationen und Unternehmen investiert werden – und gerade nicht auf den Spieltischen der Krypto-Casinos. Anders wird die schon so lange beschworene, längst überfällige europäische Kapitalmarktunion nicht in Schwung kommen!

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