die furche - 82

Über trügerische Alternativen

 

Die Überschriften führender Printmedien anlässlich des Welt-Wirtschaftsforums in Davos spiegelten wieder, wie sehr die aktuelle Finanzkrise dabei ist, die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems in Frage zu stellen. „Am Abgrund“ (Manager Magazin) und „Wer rettet den Kapitalismus?“ (Handelsblatt) wurde da getitelt, während die „Financial Times“ dem Thema „Capitalism in Crisis“ gleich eine ganze Serie widmete.

 

Die zunehmende Verworrenheit der Diskussion über mögliche Auswege zeigt sich schon an der meist unkritischen Verwendung der Bezeichnung „Kapitalismus“. Damit sollte in unseren Breiten eine einseitige Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kapitalmärkte beschrieben werden, nicht aber unsere sozial-ökonomische Wirklichkeit. So weit sind wir noch nicht. Und schon gar nicht müssen wir den Kapitalismus „retten“, hat uns doch gerade die Auslieferung an fehlgesteuerte Finanzmärkte an den Rand der Unrettbarkeit geführt.

 

Aus Mangel an Orientierungswissen über die Zukunft der Marktwirtschaft finden immer entlegenere Alternativentwürfe aus den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums öffentliche Aufmerksamkeit: vom „Ende des Geldes“ über die Forderung nach Zinsverboten bis zur allumfassenden Gemeinwohlwirtschaft reichen jene trügerischen Rezepte, deren Köche bei Demonstrationen des österreichischen „Occupy“-Ablegers unvermittelt aufeinandertreffen. Ihr kleinster gemeinsamer ist Fundamentalkritik am „real existierenden Kapitalismus“.

 

Die Alternative zur derzeitigen Ausprägung von Marktwirtschaft kann sicher nicht im Verzicht auf ihre treibenden Kräfte liegen. Denn eine arbeitsteilige Wirtschaft mit vielen Anbietern, die auf freien Güter- und Dienstleistungsmärkten im Wettbewerb um die Gunst ihrer Käufer stehen, gewährleistet am besten Innovationen, steigende Produktivität und das, was Ludwig Erhard einst als „Wohlstand für Alle“ beschrieben hat.

 

Damit Märkte aber so funktionieren, dass sie auch gesamtgesellschaftlichen Wohlstand schaffen, brauchen sie Spielregeln im Rahmen einer Wirtschaftsordnung, die einerseits dafür sorgt, dass auch wirklich Wettbewerb stattfindet und nicht teure Monopole überhandnehmen und andererseits über ein vernünftiges Steuersystem Geld für infrastrukturelle Leistungen und sozialen Ausgleich quer über die Generationen verfügbar macht. Die daraus finanzierten öffentlichen Güter – vom Bildungs- und Gesundheitssystem bis zur inneren und äußeren Sicherheit – machen gerade jene Marktwirtschaften erfolgreich, die für eine kluge Rollenverteilung zwischen Privat und Staat sorgen.

 

Damit das wieder möglich wird und unsere Köpfe frei werden für ein System, in dem reale Wertschöpfung mehr zählt als spekulative Finanzgewinne, muss vor allem die im letzten Jahrzehnt entgleiste Finanzwirtschaft neu reguliert und diszipliniert werden. Winston Churchill kleidete diesen Wunsch einst (1925) in die treffende Formel: „I would like to see finance less proud and industry more secure“. Mit weniger Kapitalismus und mehr Sozialer Marktwirtschaft sollte das zu schaffen sein.

2. Februar 2012

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