die furche - 173

Schwarmintelligenz im Finanzsystem

 

Mitten in den heißen Augusttagen verdarb ein mittlerer Börsen-Crash den Anlegern auf den internationalen Kapitalmärkten die Ferienlaune. Kurseinbrüche in China von mehr als 20 Prozent machten den Anfang, New York und Frankfurt folgten nach. Die Abwertung des chinesischen Yuan um etwa zehn Prozent wurde als Zeichen von Wachstumsschwäche interpretiert und führte zu Panikverkäufen.

Nachdem die chinesische Regierung im vergangenen Jahr alles getan hatte, um Aktienbesitz der breiten Bevölkerung zu popularisieren und die Kurse beinahe ums Doppelte nach oben getrieben hatte, wollte das Regime nun keine Schwäche zeigen und suchte nach Schuldigen. Man warf einem Journalisten namens Wang Xiaolu vor, schädliche Gerüchte verbreitet zu haben und steckte ihn in Untersuchungshaft. Reumütig gestand der arme Sündenbock vor den Kameras des staatlichen Fernsehens, mit einer Meldung über Aktienverkäufe durch Staatsfonds Unruhe verbreitet zu haben und bat um milde Bestrafung.

Auch wenn sich die Situation an den Börsen inzwischen wieder etwas beruhigt hat: geblieben ist neben der nüchternen Erkenntnis unserer allzu großen Abhängigkeit von der bald größten Wirtschaftsmacht der Welt die Angst vor neuen Negativ-Überraschungen in einem völlig überhitzten Finanzmarktklima.

Ein weltweiter Schock, wie ihn 2007 und 2008 das Platzen der amerikanischen Immobilienblase und die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers auslöste, wäre diesmal schon deshalb schwerer zu verdauen, weil das Krisen-Löschwasser verbraucht ist: tiefer können die Zinsen nicht sinken, mehr Geld können die Notenbanken nicht in die Märkte pumpen und höher können die Staatsschulden nicht mehr steigen.

Um künftigen Katastrophen wirklich nachhaltig vorzubeugen, müssten die globalen Großbanken konsequent redimensioniert und zugleich jene „Schattenbanken“ eingedämmt werden, deren unkontrollierte Expansion uns die Krise beschert hat. Erst damit würde der Weg frei für reales, nicht nur finanzgetriebenes Wachstum.

Diese einzig verbliebene Geheimwaffe bleibt allerdings ungenützt. Denn die Vertreter der so genannten „Finanzindustrie“ unternehmen alles, um sozial und ökonomisch gut begründbare Einschränkungen ihres Tuns abzuwehren. Sie versuchen uns glaubhaft zu machen, dass sie ihre schwankungsanfällige Geldmaximierungsmaschine beherrschen, obwohl ihre Hilflosigkeit im Ernstfall – etwa in der Reaktion auf den China-Schock – greifbar ist. Die vielen hocheffizienten, intelligenten Finanztechniker machen im Einzelnen alles richtig und können doch nicht verhindern, dass ihr kollektives Tun mangels tauglicher Spielregeln jederzeit wieder zum Risiko für Alle werden kann.

Deshalb wäre es im Grunde auch in ihrem Interesse, das Tempo herunterzufahren und dem labilen Welt-Finanzsystem endlich einen verlässlichen ordnungspolitischen Rahmen zu verpassen, der sicherstellt, dass die nächste Krise nicht wieder einseitig jene trifft, die von den Vorteilen des Systems ausgeschlossen sind. Soviel Schwarmintelligenz muss sein. 

10. September 2015

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