die furche - 166

Bares ist Wahres

 

Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass die Bedeutung von Münzen und Scheinen im praktischen Alltag abnimmt und Buchgeld am Konto so viel gilt wie Bargeld. Schon seit Jahrzehnten werden Löhne nicht mehr am Ende der Arbeitswoche im „Lohnsackerl“ ausgezahlt, sondern auf Gehaltskonten überwiesen. Neben den Kredit- und Bankomatkarten verdrängen mobile Bezahlsysteme auch an der Supermarktkasse das Kramen nach Kleingeld. In den USA sollen neuerdings sogar Bettler dazu übergehen, kein Bares mehr anzunehmen – sie bitten stattdessen um elektronische Anweisung der milden Gabe per Smartphone.

Es würde uns deshalb vermutlich kaum auffallen, wenn die größeren Banknoten zu 200 oder 500 Euro abgeschafft würden oder Rechnungen nur mehr bis zu bestimmten Höchstbeträgen mit Banknoten bezahlt werden dürfen, wie das in Italien seit 2011, in Frankreich ab dem Herbst dieses Jahres der Fall ist. Dass jedoch der Gebrauch von Münzen und Geldscheinen gänzlich verboten werden soll, wie das in jüngster Zeit von renommierten Experten empfohlen wird, will uns nicht einleuchten. Und das zu Recht.

Wohl nicht zufällig fällt die Forderung des deutschen Ökonomen Peter Bofinger nach der gänzlichen Abschaffung von Bargeld in eine Phase extrem niedriger Zinsen. Die Notenbanken würden nämlich zur Bekämpfung von Deflation und Ankurbelung des Wachstums den Zinssatz zumindest vorübergehend gerne unter Null senken können. Sobald sie das jedoch tun, bestünde der wirksamste Schutz der Sparer gegen eine derartige Negativverzinsung darin, Geld von ihren Konten abzuheben und so lange zu horten, bis es am Konto wieder Zinsen trägt. Für einen derartigen Ansturm auf die Bargeldreserven ist jedoch keine Notenbank der Welt gerüstet. Das Funktionieren des Systems beruht nun einmal auf dem Vertrauen, immer so viel Bares wie nötig abheben zu können und im Übrigen dem Buchgeld wie einem „richtigen“ geldwerten Anspruch zu vertrauen.

US-Ökonom Kenneth Rogoff, Co-Autor eines Welt-Bestsellers über die Geschichte von Finanzkrisen, plädiert ebenfalls dafür, Bargeld als Zahlungsmittel abzuschaffen. Als ersten Schritt sollten, ginge es nach ihm, nur noch die kleineren Banknotenstückelungen heraus gegeben werden. Tatsächlich hängt ein großer Anteil der negativen Begleiterscheinung der Bargeldnutzung mit den großen Scheinen zusammen. Sie leisten der Geldwäscherei in allen schmutzigen Geschäftszweigen Vorschub – vom Drogen- über den Waffen- bis zum Menschenhandel. Längst sind deshalb die Banken dazu verpflichtet, größere Bargeld-Bewegungen zu melden.

Dennoch ist bares Geld kein angeblich kostspieliger Anachronismus sondern unverzichtbarer Teil eines funktionierenden Finanzsystems. Es ist nicht nur das liquideste Zahlungsmittel, mit dem sich persönliche Kaufentscheidungen unmittelbar erfüllen lassen sondern gewährleistet auch die Wahrung der finanziellen Privatsphäre. In Zeiten politischer Begehrlichkeiten nach totaler Kontoöffnung wird daraus auch ein demokratiepolitisches Erfordernis.

03. Juni 2015

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