die furche - 119

Ein erdbebensicheres Finanzsystem

 

In wenigen Wochen jährt sich die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers zum fünften Mal. Je länger dieses Schock-Ereignis zurückliegt, desto größer scheint die Versuchung, zur Tagesordnung überzugehen, ohne seine wirklichen Ursachen benannt und beseitigt zu haben. Es habe immer schon Finanzkrisen gegeben, das gehöre zum System, sagen die einen. Es sei eine Krise der Moral gewesen und nun komme es nur darauf an, dass sich alle an neue Wohlverhaltensregeln halten, die anderen. Beides ist nicht ganz falsch, trifft aber nicht den Kern des Problems.

Dieser Kern liegt schlicht und einfach in der Tatsache, dass viele Großbanken ihr Geschäft bis heute mit zu viel Fremdkapital finanzieren. Das macht sie anfällig, weil das knappe Eigenkapital im Krisenfall rasch verbraucht ist und Sicherheitspuffer fehlen. Mit Eigenmittel-Sockeln, wie sie bis zur fatalen Lockerung der Bankenregulierung üblich waren, wäre die Katastrophe ausgeblieben.

Wenn sich Häuser als anfällig gegen Erdbebenfolgen erweisen, schützt man sie gegen künftige Erschütterungen mit massiveren Fundamenten. Wenn Banken mit zu dünner Eigenkapitalbasis wie Kartenhäuser zusammengebrochen sind, hilft auch nichts anderes, als ihnen für die Zukunft eine solidere Statik in Form von echtem bilanziellem Eigenkapital vorzuschreiben.

In den USA hat man das besser verstanden als in Europa. Ein Minimum von immerhin 8 Prozent der Bilanzsumme soll dort künftig aus echtem Eigenkapital bestehen – das Doppelte von dem, was die verfehlten Basel-Spielregeln vorschreiben. Europa sperrt sich dagegen mit dem absurden Argument, die amerikanischen Mitbewerber verschafften sich damit Wettbewerbsvorteile.

Als der US-Bankenaufseher Tom Hoenig kürzlich öffentlich Sorge darüber äußerte, dass etwa die Deutsche Bank über nicht mehr als 2,1 Prozent Eigenkapital verfügt, empörten sich deren Sprecher über diesen „unerhörten Vorgang“ – schließlich liege ihr „Kernkapital“ nach Basel-Regeln bei weit über 10 Prozent.

Offensichtlich ermuntern die geltenden Vorschriften zu trügerischer Schein-Sicherheit. In Wirklichkeit verbirgt sich hinter vielen „Kernkapital“-Angaben ein regulatorisches Zauberwerk ohne wirkliche Substanz. „Des Bankers neue Kleider“ heißt denn auch ein ab September verfügbares Buch der Ökonomen Anan Admati und Martin Hellwig, das schon jetzt als Schlüsselwerk zur nachhaltigen Lösung der Finanzkrise gilt. Die Hauptbotschaft von „The Bankers new clothes“ führte gleich nach Erscheinen zu wütenden Reaktionen der internationalen Großbanken-Lobby, fordern die beiden Top-Wissenschaftler doch Eigenkapital von bis zu 20 Prozent der Bilanzsumme.

Normale Unternehmen der sogenannten „Realwirtschaft“ sind an solche Werte gewöhnt: mit weniger als 20 Prozent Eigenmittel dürfen sie zu einem Kreditgespräch mit ihrer Bank gar nicht erst antreten. In einer erdbebensicheren Finanzwelt wird das zur neuen Wirklichkeit auch für internationale Großbanken. Ein vernünftiger Preis für mehr Systemsicherheit.

25. Juli 2013

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